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Ortsfamilienbuch Wüllen

Quelle Bild: Norbert Stücker

Quelle Text: erstellt von Volker Tschuschke

Wüllen liegt nahe der dt.-nl. Grenze im Westmünsterland. Das Kirchspiel (Pfarrei) Wüllen, zu dem ursprünglich auch die heutige Ahauser Bauerschaft Ammeln gehörte, wurde im Mittelalter im Nordwesten und Norden durch die sumpfigen Niederungen um das erst 1316/19 gegründete Ottenstein und Wessum begrenzt. Nach Osten wurde es von Heek durch die Ahler und Wehrer Mark getrennt. Diese Heidelandschaften waren ursprünglich vermutlich ebenso bewaldet wie die Brööke und der Liesner Wald, die im Südosten und Süden die Grenzen zu den Kirchspielen Legden und Stadtlohn bilden und dank ihrer Eigenschaft als fürstbischöfliches Jagdrevier als Wald erhalten blieben. Nördlich des Poiksbrook stellt der Barler Berg eine deutliche Landmarke dar.

Hier entspringen die beiden wichtigsten Wasserläufe, die Ahauser Aa und der Frankemöllen- bzw. Ölbach, die den Ortsnamen Ammeln (‚Wald an einem Wasserlauf‘) und Wüllen (‚[Siedlung] an der *Vulina‘ = einem hervorquellenden Wasserlauf) zugrunde liegen. Diese Flüsschen speisen sich aus dem sich in den Niederungen des Liesner Waldes sammelnden Grundwasser und Quellen, die im Bereich des Barler Berges und des sich südlich in Stadtlohn-Wendfeld anschließenden Höhenzuges zutage treten und fließen nach Norden ab.

Neben dem Barler Berg im Westen des Dorfes gibt es östlich einen zweiten Höhenzug. Das ist der Westrand des Münsterischen Kreidebeckens, der in Wessum-Graes an die Erdoberfläche tritt und sich an Wüllen vorbei in südwestliche Richtung über Stadtlohn bis nach Südlohn erstreckt.

Mit den Wasserläufen und Höhenzügen sind die beiden wichtigsten landschaftsbildenden Elemente benannt: Zum einen verläuft hier mit dem Düwing Diek (K 20) die wichtige alte Straße von Stadtlohn nach Wüllen und weiter nach Wessum. Zum anderen wurden diese Flächen landwirtschaftlich intensiv genutzt und dazu durch Plaggendüngung kultiviert. Um diese hochwasserfreien Höhenrücken gruppieren sich daher die alten Höfe der Bauerschaften Barle, Sabstätte, Quantwick sowie Ober- und Unterortwick.

Unter Schonung der Ackerflächen wurde in Randlage zum Wüllener Esch eine Kirche gegründet. Wann der erste Kirchenbau errichtet wurde, muss offenbleiben. Doch immerhin zeigen archäologische Funde, dass die Vorgängerin der heutigen Kirche auf jeden Fall vor die Mitte des 12. Jahrhunderts zurückreicht; aufgrund der Machart einiger Architekturteile könnte sie vielleicht um 1050 erbaut worden sein. Von wem die Gründung ausging, ist nicht klar. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt der Kerkhoff = Kirchhof. Er gehörte bis 1286 den Edelherren von Steinfurt, die jedoch erst zur Bauzeit der Kirche oder später aus dem nordwestlichen Harzvorland in das Münsterland kamen. Als Lehnsmannen der Edelherren von Steinfurt vielfach bezeugt sind die Brüder Johann und Gerhard von Wüllen, die um 1310 als Lehen des Ritters Hermann von Lüdinghausen die Vogtei über die zum Mauritiusaltar in Wüllen gehörigen Leute besaßen. Da die Lüdinghausener ihrerseits Vasallen des Benediktinerklosters Werden waren, könnte auch das an der Kirchengründung beteiligt gewesen sein. Eine wichtige Rolle spielte aber offenbar auch das benachbarte Frauenstift Vreden. Ein Indiz dafür ist das Patrozinium des hl. Andreas, von dem das Stift bedeutende Reliquien besaß. Hinzu kommen besitzgeschichtliche Argumente. So gehörte dem Stift Vreden in Ortwick der Hof Nünning, dem weitere Höfe in Wüllen, Heek, Legden, Gescher und Wijhe an der IJssel untergeordnet waren. In Quantwick waren die Besitzungen des Stiftes möglicherweise sogar der Grund für die Benennung der Bauerschaft. Das dem Namen ‚Quantwick‘ zugrundeliegende ‚quān‘, das auch im englischen ‚Queen‘ = ‚Königin‘ steckt, bedeutet nämlich ‚vornehme Frau‘. Dabei ist an die Äbtissin zu denken, der hier der Gräftenhof Schulze Schwering gehörte, so dass der Name ‚[umzäunte] Siedlung einer Dame‘ erklärlich wird.

Über die Verwaltung des stiftischen Besitzes war die ursprünglich zur unfreien Dienstmannschaft gehörige Familie von Wüllen in den Ritterstand aufgestiegen und besaß bei ihrer ersten urkundlichen Erwähnung 1220 verschiedene Zehnten als Lehen des Stiftes. Außerdem bekleideten die von Wüllen die Würden eines Schenken, später auch eines Drosten, Marschalls und Kämmerers der Äbtissin. Als diese Erbämter nach dem Tod der Äbtissin Sophia van Puiflijk 1316 aufgehoben wurden, verkaufte Gerlach I. von Wüllen seine Hausstätte „to der Cemenaden“ dem Kloster Varlar. Dieses feste Haus ist die bis heute als Badiek, von plattdeutsch ‚Barg‘ = Berg- = Burgteich, bekannte Gräftenanlage in der Nachbarschaft der Kirche. Sie gehörte zum Hof Schulze Schwering in Quantwick, den die von Wüllen von der Äbtissin zu Lehen trugen. Damit wird nochmals der Zusammenhang zwischen dem Stift Vreden, der Kemenate und der Kirche deutlich. Mit der vermutlich spätestens im 12. Jahrhundert errichteten steinernen Kemenate war neben der Kirche ein zweiter Kristallisationspunkt entstanden. An der Straße zwischen beiden siedelten sich Handwerker an, so dass ein kleiner Dorfkern entstand.

Das aus Dorf und Bauerschaften bestehenden Kirchspiel Wüllen gehörte zunächst zu der sich im 12./13. Jahrhundert um die kurz nach 1100 angelegte Burg Ahaus bildenden gleichnamigen Herrschaft. Mit ihr fiel Wüllen 1406 an das Fürstbistum Münster und gelangte nach dessen Auflösung 1803 zunächst an das Fürstentum Salm und 1810 an das Kaiserreich Frankreich, bevor es 1815 Preußen zugewiesen wurde.

Entscheidend für die Weiterentwicklung Wüllens war weniger die Einrichtung des Amtes Wüllen 1844 als der Bau der Chaussee von Ahaus über Wüllen nach Stadtlohn und weiter nach Borken 1855/70. Diese Straße (L 572) wurde im Laufe der Zeit eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Region. Infolgedessen gewann der in Verlängerung der Langen Straße an der Stadtlohner Straße gelegene Markt zunehmend an Bedeutung, so dass der 1827 hier befindliche Häuserring nach und nach zu einem zweiten und gegenüber dem älteren Dorfkern um die Kirche wichtigeren Zentrum wurde. Diese Ausdehnung war auch das Ergebnis der Bevölkerungsentwicklung. Nach einem durch die schlechte Wirtschaftslage und die dadurch bedingte Auswanderung hervorgerufenen vorübergehenden Rückgang in den Jahrzehnten um die Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs sie seit dessen letzten Drittel wieder. Bemerkenswert ist freilich, dass die wachsende Einwohnerzahl weniger am eigenen Wohnort als vielmehr in der aufblühenden Industrie im Nachbarort Ahaus Arbeit fand.

Auf diese Weise rückten Wüllen und Ahaus im Laufe der Zeit einander nicht nur räumlich näher, sondern auch die wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen wurden immer enger. Langfristig bereitete das den Zusammenschluss des Amtes Wüllen mit der Stadt Ahaus 1969 vor. Mit der Kommunalreform endete zwar die Selbstständigkeit Wüllens, aber nicht sein Selbstbewusstsein. Das zeigt sich u.a. in einer Vielzahl von Vereinen. Zu ihnen zählt auch der 1984 gegründete Heimatverein Wüllen e.V., der dieses Ortsfamilienbuch präsentiert.

Literaturhinweise

  • Heimatverein Wüllen e.V. (Hrsg.): Wüllen. Bausteine zur Geschichte eines Dorfes im Westmünsterland, Beiträge zur Geschichte der Stadt Ahaus Bd. 6, Ahaus 1996
  • Heimatverein Wüllen e.V. (Hrsg.): Wüllen. Bausteine zur Geschichte eines Dorfes im Westmünsterland Teil II, Schriftenreihe des Heimatvereins Wüllen Bd. 5, Ahaus-Wüllen 2001
  • Korsmeier, Claudia Maria: Die Ortsnamen des Kreises Borken, Westfälisches Ortsnamenbuch Bd. 17, Bielefeld 2022
  • Reekers, Stephanie: Westfalens Bevölkerung 1818-1955. Die Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden und Kreise im Zahlenbild, Veröffentlichungen des Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volksforschung Reihe 1 Heft 9, Münster 1956
  • Schulze Spüntrup, Ludger: Alte Gräften und Gräftenhöfe der Gemeinde Wüllen, in: Westfälischer Heimatkalender 1958 Ausg. Ahaus, S. 188-192
  • Tschuschke, Volker: Die hochgräfliche Abtei Vreden und ihre Erbämter, in: Hermann Terhalle (Red.): Quellen und Studien zur Geschichte Vredens und seiner Umgebung [I], Beiträge des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkskunde Bd. 38, Vreden 1990, S. 44-48
  • Tschuschke, Volker: Die Gründung der Andreaskirche in Wüllen zwischen Geschichte und Geschichtsbild, in: Wüllener Heimatblätter Nr. 31, 2012, S. 321
  • Wer(mert), [Josef]: Ahaus-Wüllen, in: Manfred Groten u.a. (Hrsg.): Handbuch der Historischen Stätten Nordrhein-Westfalen, Kröners Taschenausgabe Bd. 273, 3. Aufl. Stuttgart 2006, S. 19
  • Wüllener Heimatblätter Nr. 1, 1986 –

 

Aktuell eingearbeitete Quellen:

St. Andreas, Wüllen, Taufen, KB 11 1893 - 1921 [1893 - 1912 eingelesen !]

St.Andreas, Wüllen, Heiraten, KB. 6 1808 - 1903 [1868 - 1903 eingelesen !]

St. Andreas, Wüllen, Heiraten, KB 12 1904 - 1924

Standesamt Geburten 1874 - 1915

Standesamt Heiraten 1875 - 1932; 1933 - 1938 in Arbeit !

Standesamt Sterberegister 1874 - 1969; 1969 - 1993 Wüllener Personen aus dem St.A. Register Ahaus

Familienanzeigen Sterben MZ-Zeitung 1994 - 2022

 

 

 




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